CREATIVE ECONOMY

Die Kreativwirtschaft als Spiegel der Gesellschaft und Teil der Lösung für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung

Dr. Frédéric Martel & Claudio Bucher
Zurich Centre for Creative Economies – ZCCE,
Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Sowohl als Finanz- und Wirtschaftshauptstadt Deutschlands wie auch als wichtige Technologiedrehscheibe neigt die Stadt Frankfurt dazu, ihre Stärken zu unterschätzen und latente Potenziale in der Kreativwirtschaft, dem kulturellen Sektor und den Creative Economies im weiteren Sinne zu vernachlässigen. In der Tat neigt die „dynamic city“ dazu, Möglichkeiten zu übersehen, die in ihrer Mitte schlummern. Dieser Beitrag zur Vorbereitung des „Masterplans Kreativwirtschaft 2021–2026“ beabsichtigt daher, Chancen und Schwächen des Ökosystems Frankfurt sichtbar zu machen. Öffentliche und private Beteiligte sollen dadurch ermutigt werden, vorhandene Potenziale besser zu nutzen. Schließlich werden im Rahmen von neun Themenfeldern Empfehlungen formuliert, welche Mandatsträger*innen und Entscheider*innen in ihrem Bestreben unterstützen sollen, Frankfurt bis 2026 zu einer der kreativen Hauptstädte Deutschlands zu machen.

 

Frankfurt am Scheideweg:
Stärken, Chancen, Schwächen

In Frankfurt leben knapp 760.000 Menschen, in der Metropolregion FrankfurtRheinMain sind es über 5,8 Millionen. In Frankfurt hat die Europäische Zentralbank ihren Sitz, Frankfurt ist internationales Zentrum für Finanzdienstleistungen. Das macht die Stadt zur Wirtschafts- und Finanzhauptstadt Deutschlands, darüber hinaus zum Technologiezentrum – insbesondere für den sogenannten „FinTech“-Sektor. Mehr als 200 lokale und internationale Banken und eine große Anzahl von Finanz-Start-ups sind in der Stadt vertreten – die Devisenplattform 360T etwa wurde von der Deutschen Börse 2015 für rund 725 Millionen Euro gekauft. Goethes Geburtsstadt birgt aber auch weniger offensichtliche Ressourcen: ihre Kreativwirtschaft. Zweifellos ist Frankfurt als deutsche Stadt mit dem höchsten kreativwirtschaftlichen Umsatzanteil (6 Prozent) gemessen am städtischen Gesamtumsatz (Stand 2016) bereits mit vielen Vorteilen ausgestattet: mit ihren Messen und Festivals (einschließlich der international renommierten Frankfurter Buchmesse), mit Zehntausenden von Studenten, mit ihrer „Creative Class“, zum Beispiel im Verlagswesen, im Design, in der elektronischen Musik und verstärkt auch im Modesektor, etwa durch eine eigene „Fashion Week“ ab 2021. Berechnungen weisen rund 41.000 Erwerbstätige im Kultur- und Kreativwirtschaftssektor aus – und einem Umsatz von knapp sechs Milliarden Euro.

Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Messe, eine „Fashion Week“ oder ein Festival positive ökonomische Effekte in unterschiedlichen Dimensionen erzielt. Wie unsere Studien zeigen, organisiert sich die Kreativwirtschaft in konzentrischen Kreisen: Der erste Kreis steht für kreative Leistungen im engeren Sinne (zum Beispiel Festivaleinnahmen). Der zweite Kreis stellt ein ganzes Ökosystem von „verwandten“ Tätigkeiten dar, die als „related activities“ in Beziehung zu Kunst und Kultur stehen (beispielsweise Übersetzungsfirmen, Reprografie, Studio- und Equipmentvermietung). Der dritte Kreis – „non-related activities“ – weist keine Verbindung zu Kultur im engeren Sinne auf, profitiert aber davon: Hotels, Restaurants, Flughäfen, Transportwesen, Tourismus, aber auch Sicherheitsfirmen, IT und weitere Anbieter. Diese Perspektive zeigt die grundlegende Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft für die wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt. Die entsprechende Hebelwirkung müsste präzise berechnet werden. Auf der Grundlage bestehender Studien kann jedoch angenommen werden, dass jeder investierte Euro eine Rendite in Höhe des Drei- bis Fünffachen der ursprünglichen Ausgaben erzielt.

Gleichzeitig befindet sich Frankfurts Wirtschaft im Wandel: Zwar bestätigen vorliegende Daten, dass die Stadt nach dem Brexit weiterhin Banken und Finanzdienstleistungen anziehen kann und aus diesem Grund auch neue Arbeitsplätze im Bankensektor geschaffen werden (etwa 32 neue Banken aus 15 Ländern haben sich in Frankfurt niedergelassen und mindestens 17 haben ihre Präsenz in Frankfurt verstärkt), doch hat der digitale Wandel auch einen starken Arbeitsplatzabbau mit sich gebracht. Daniel Cohen, der französische Ökonom und Gründer der Paris School of Economics, prognostiziert, dass 50 Prozent der Arbeitsplätze in der Finanzdienstleistungsbranche in den kommenden Jahren verschwinden werden.

Auch wenn sich Frankfurt als Finanzhauptstadt Deutschlands und Kontinentaleuropas behaupten wird, ist ein erheblicher Stellenabbau in den kommenden Jahren wahrscheinlich. Diese Prozesse werden kurz- und langfristig durch zwei besondere Phänomene beschleunigt: die Corona-Krise und die ökologische Wende. Die Auswirkungen sind schon heute zu beobachten: die wachsende Bedeutung ortsunabhängigen Arbeitens, die Abwanderung aus Städten, eine verstärkte ökologische Ausrichtung, die Disintermediation, das heißt der Wegfall von Dienstleistungen und Banken, digitaler Nomadismus und so weiter. Letztlich stehen das gesamte Wirtschaftsgefüge der Stadt und ihre Arbeitsplätze vor einem radikalen, massiven und dauerhaften Wandel.

Was kommt „nach den Banken“? Was wird aus Frankfurt, wenn der Finanzplatz Frankfurt zwar seine finanzielle Kraft behält, aber mit immer weniger Beschäftigen und Bürofläche klarkommen muss? Wenn Neo-Banken nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sind? Wenn die Mitarbeitenden nicht mehr „inhouse“, sondern „remote“, „nomadisch“ oder vielleicht freiberuflich tätig sind? Auf diese Fragen müssen Antworten gefunden werden.
Die Kreativwirtschaft könnte ein Teil der Lösung für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung Frankfurts sein.

 

Die große Transformation der Kultur- und Kreativwirtschaft

Seit den 2000er Jahren hat die Kultur- und Kreativwirtschaft einen beispiellosen Wandel erlebt: Erst das Internet, dann die sozialen Netzwerke und schließlich das Smartphone haben den Sektor völlig verändert. Betrachtet man die Einführungszeitpunkte der wichtigsten Akteure, scheint die Beschleunigung atemberaubend: Google 1998, Facebook 2004, YouTube 2005, Twitter 2006, das erste iPhone 2007, Instagram 2010. Selbst der heute so dominante Anbieter Amazon wurde erst 1994 gegründet. 

Dieser Wandel spiegelt sich in den wichtigsten Trends wider, die hier in groben Zügen und einigen wenigen Stichpunkten wiedergegeben werden:

  • Lange dominierte das „industrielle“ Modell die „kulturellen“ Inhalte, später folgte eine Verschiebung von der „Kulturwirtschaft“ (die der Tradition der Frankfurter Schule verpflichtet ist) zur „Kreativwirtschaft“ (Ausweitung auf alle kreativen Inhalte, insbesondere auf digitale).
  • Die Kulturindustrien schufen „Produkte“ und „Kulturgüter“, zum Beispiel CDs und DVDs); heute produzieren sie „Services“ (Dienstleistungen), „Streams“, „Apps“ oder „Formate“ (Netflix und andere). Die Art des so generierten Wertes hat sich vom Produkt zum „Content“ verschoben.
  • Gestern war dieser „Content“ unmittelbar mit einem Medium oder einer spezifischen Übertragung verbunden. Heute führen Inhalte unabhängig vom „Medium“ ein Eigenleben (App, Website oder „globaler“ Content).
  • In der Vergangenheit bestimmten die Eigentümer der Produktionsmittel über den Content, den sie produzierten (auch eine Idee, die mit der Frankfurter Schule verbunden ist). Heute sind weder Sony, Universal noch Paramount direkt für Inhalte zuständig. Als eine Art Bankenkonglomerat beanspruchen sie im Gegenzug zur Bereitstellung von Budget Verwertungsrechte.
  • Gestern handelte es sich bei Kreativtalenten um Vollzeitbeschäftigte, die sich oft gegenüber einzelnen Studios loyal zeigten. Heute arbeiten Selbstständige meist projektbasiert (via Vertrag, „Work for Hire“), und Autor*innen (oder die „Showrunners“ einer Fernsehserie) spielen eine zentrale Rolle im Entstehungsprozess.
  • Das Start-up-Modell ist zur Norm geworden, wie auch komplexe Akteurskonstellationen.
  • Filmstudios, Musikkonzerne oder Verlagskonglomerate waren einst Kulturproduzierende, heute sind sie Finanzdienstleistungsunternehmen. Die „Majors“ arbeiten mit „Independents“ oder „Specialised Units“, um ihre Produkte zu entwickeln (Kleinstunternehmen im Bereich Kino und Videospiele; Druckereien im Verlagswesen; Labels im Musikbereich und andere).
  • Heute dominiert das Digitale alle Sektoren: Wäre die digitale Wirtschaft ein Land, wäre es bereits die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.
 

Themenfeld 1:
Warum Kreativwirtschaft wichtig ist (Globale Trends)

Einige unserer Studien zeigen, dass globale Kulturmetropolen wie Berlin, London, Los Angeles, Mailand, New York, Paris, San Francisco, Tokio oder Tel Aviv und regionale Kreativhauptstädte wie Beirut, Hongkong, Miami und Tallinn häufig die gleichen konstituierenden Elemente aufweisen. Allen gemeinsam sind Rahmenbedingungen, die das Potenzial von Kreativität und Innovation fördern können:

  • Ein positives Ökosystem, das sich in erster Linie auf verlässliche wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen stützt.
  • Sichere Banken, unterschiedliche Bankensysteme.
  • Rechtssystem/Rechtsordnung, leistungsfähige Anwaltskanzleien, Schutz von Urheberrechten und Patenten, unternehmerische Freiheit.
  • Ein dynamisches Ökosystem von Kunsthochschulen und Universitäten (zum Beispiel Filmschulen wie USC, UCLA und CalArts in der Nähe von Hollywood oder die Stanford University in unmittelbarer Nähe des Silicon Valley).
  • Moderne technologische und digitale Infrastrukturen sowie hochwertige Internet-/Breitbandnetze (Backbone, Rechenzentren, Cloud, hohe Übertragungsraten und so weiter).
  • Ein „Umfeld der Möglichkeiten“: eine Fülle von Projekten, ein Reichtum an Ideen, eine Vielzahl und Vielfalt von Kreativschaffenden.
  • Ein reifer Werbemarkt mit starken Kreativagenturen und (noch wichtiger) Media Agenturen, die sich für den Einkauf von Werbeplätzen verantwortlich zeichnen.
  • Eine Medienlandschaft, die dank eines Netzwerks von (Fernseh-)Sendern, Medienunternehmen und internationalen Korrespondenten (insbesondere „Variety“, „Hollywood Reporter“, „Billboard“) in der Lage ist, einen globalen „Buzz“ für eine Stadt zu erzeugen.
  • Ein günstiges Umfeld für die Freiheit künstlerischen Schaffens: Freiheit für Kunstschaffende, Frauen, Homosexuelle und andere gesellschaftliche Gruppen.
  • Die Existenz städtischer Gegenkultur, eines Bohème-Viertels, einer Stadt für die „Poètes maudits“, für die Neo-Hippies und andere kreative Randgruppen.
  • Eine hohe Interkonnektivität/Verbundfähigkeit (Transport, zum Beispiel Flughäfen, Bahnnetz, Autobahnen).
  • Ein Netzwerk aus unterstützenden Unternehmen, hoch qualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften (zum Beispiel Studios, Personal mit audiovisuellen Fähigkeiten, Technikfachkräfte, Material- und Equipmentvermietung, Start-ups).
  • Und schließlich: eine große kulturelle Vielfalt.
 
Diese Kriterien erklären, warum Miami eine bedeutende Kulturmetropole ist, Caracas aber nicht; warum Beirut (trotz der Krise) eine bedeutende Kulturmetropole ist und Riad oder Kairo nicht. Aus diesen Gründen ist Hongkong so wichtig und wird Shenzhen Mühe haben, sich zu Chinas neuer Kulturhauptstadt im Süden zu entwickeln.
 
Die Stärken und Schwächen Frankfurts sollten unter Berücksichtigung dieses Kriterienkatalogs überprüft werden. 

Themenfeld 2:
Die zentrale Rolle der Universitäten

Studien zeigen, dass Universitäten für die Entstehungsprozesse in der US-Kreativwirtschaft von wesentlicher Bedeutung sind. In der Film-, der Verlags- und der Musikbranche sowie im Bereich Digital und in der Gaming-Industrie stellen Forschung und Entwicklung (F&E) und die entsprechenden Arbeitskräfte an den Universitäten ein wertvolles Kapital dar. Silicon Valley würde ohne Stanford und teilweise ohne Harvard, MIT und Berkeley höchstwahrscheinlich so nicht existieren. Hollywood betreibt seine F&E an der University of Southern California, am CalArts, an der UCLA und der Tisch School. In ähnlicher Weise basiert der Broadway auf einem Experimentiersystem, das sonst eher in Universitäten oder Non-Profit-Theatern zu finden ist. Darüber hinaus tragen Universitätsverlage zur Innovation der amerikanischen Verlagswelt bei (zum Beispiel im Falle eines Autors der MIT Press, der später bei Bloomsbury publiziert). Weiter entwickelt sich der Master of Fine Arts (MFA) zunehmend zum Referenzdiplom und zur Benchmark für alle Kreativschaffenden. Die Rolle der Universitäten wird in der Kultur- und Kreativwirtschaft sehr oft unterschätzt, daher sollte dieser Dimension eine besondere Beachtung geschenkt werden.

Frankfurt ist eine wichtige Stadt für Studierende, ausgestattet mit einer reichen Bildungslandschaft: mit renommierten Kunsthochschulen und dezidierten Bildungsangeboten in den bildenden Künsten, in Musik/Tanz, Kino, Design, aber auch in Kunstgeschichte oder Kulturmanagement. Eine gute Voraussetzung, in diesem Bereich erfolgreich zu sein.

Die schiere Existenz einer mit Kunsthochschulen und Universitäten vernetzten Kreativwirtschaft reicht jedoch nicht aus – diese Konstellation existiert vielerorts. Aufeinander abgestimmte Wechselbeziehungen und Interaktionen sind erforderlich, um die Potenziale zu nutzen. 

Themenfeld 3:
Intelligente, urbane und nachhaltige Stadt

Es existiert eine Vielzahl von Definitionen, Modellen und konstituierenden Elementen, die eine „Smart City“ charakterisieren. Als Schlagwort dient der Sammelbegriff „Smart City“ unterschiedlichsten politischen Strategien, oft mit guten Absichten, manchmal mit weniger guten. Mitgemeint ist stets ein technologisches Element und immer häufiger auch eine ökologische Dimension: Die „Smart City“ soll unter anderem eine Optimierung der Verkehrssysteme und des öffentlichen Personenverkehrs ermöglichen, ein besseres Abfallmanagement, eine effizientere und ökologischere Energieversorgung. Die Begeisterungsfähigkeit für „Smart Cities“ lässt dann nach, wenn Assoziationen mit staatlicher Überwachung oder Großkonzernen geweckt werden. Unternehmen wie IBM, Cisco, Google, Microsoft, Vinci und Accenture haben umfassende Pläne entwickelt, um Städte „smart“ zu machen. Auf der Suche nach neuen Narrativen sprechen Unternehmen gelegentlich von der „Smart City 3.0“, „4.0“, ja sogar „5.0“ … 

Über die technologische Dimension hinaus bringt die Frage der „Smart Cities“ die Frage nach dem tatsächlich betroffenen Territorium (Stadt, städtische Agglomeration, Region …) mit sich. In Deutschland spielt weiter das Unbehagen gegenüber Aspekten von „Big Data“, Gesichtserkennungstechnologie oder KI eine Rolle und somit gegenüber Elementen der „Smart Cities“.

Die Stadt Frankfurt, wo sich unter anderem die Stabsstelle Digitalisierung mit „Smart-City“-Aspekten beschäftigt und 2020 – nach einem breiten Beteiligungsprozess – den ersten Entwurf einer gesamtstädtischen Digitalisierungsstrategie vorgelegt hat, scheint (dank ihrer Vernetzung in ganz Deutschland) besonders gut auf künftige Entwicklungen vorbereitet zu sein. Frankfurt könnte sich profilieren, indem man hier den Begriff der „Smart City“ überdenkt, die Idee erneuert, indem man den Raum und das Territorium neu konzipiert, die bürgerliche Wiederaneignung organisiert und eine kollaborative und humanistische Dimension einführt oder diese verstärkt. Sicherheit ist unerlässlich, und sowohl die Energieversorgung als auch der öffentliche Verkehr müssen „smart“ werden. Dennoch kann eine Stadt nur dann wirklich „smart“ werden, wenn sie in erster Linie an ihre Menschen denkt. Statt an „smarten“ Städten zu arbeiten, müssen wir an „smarten“ Bürgern arbeiten! 

Als Spiegel der Gesellschaft und ihrer Zukunft wird die Kreativwirtschaft zunehmend gefordert sein, die Gesellschaft in Bezug auf Vielfalt und Ökologie zu repräsentieren.    

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist einer der Bereiche, die sich mit besonderem Geschick ökologischen Anliegen nähern und an Lösungen arbeiten, sei es zu Themen wie Supply-Chain-Transparenz (Canopy), zu intelligenten Energiesystemen, Prothesen aus recyceltem Plastik („Circleg“) oder einer faltbaren Treppe („Klapster“, Gewinner des Frankfurter Gründerpreises 2020). 

Frankfurt kann auf zahllose Vorteile im ökologischen Kontext zurückgreifen: Es ist eine Stadt „à taille humaine“, eine Stadt von „auf den Menschen zugeschnittener Dimension“, in der alle Stadtgebiete innerhalb von 30 Autominuten erreichbar sind, vom Flughafen (nur 12 km vom Stadtzentrum entfernt) bis zu den Randbezirken (Millionen von Menschen in einem Umkreis von etwa 30 km mit dem Auto). 

Themenfeld 4:
Positive Ökonomie und Resilienz

Geprägt wurde der Begriff „L’économie positive“ durch den französischen Dichter Arthur Rimbaud. Er beschreibt eine zentrale Fragestellung von Kunstschaffenden: Wie lassen sich Zeit für den Schaffensprozess und die Suche nach der eigenen Stimme mit der Sicherstellung lebensnotwendiger Mittel vereinbaren? Tatsächlich hängt der Erfolg künstlerischer Karrieren, zumindest zu einem Teil, von der Antwort auf diese Frage ab.

Der Begriff des „Künstlers“ ist inzwischen vage geworden: Der Künstlerbegriff, wie er im Kontext öffentlicher Kulturförderung oft zur Anwendung kommt, meint in erster Linie Kunstschaffende der bildenden und darstellenden Künste und vernachlässigt dabei oft „Artists“, die in der Kreativwirtschaft und der digitalen Welt tätig sind. Den historisch gewachsenen Künstlerbegriff sollte man daher erweitern, um alle Kreativschaffenden einzubeziehen. Mit 5,1 Prozent der Beschäftigten (30.444 Beschäftigte im Jahr 2019) und 6 Prozent des Gesamtumsatzes stellt diese Gruppe ein beachtliches Segment einer Stadt wie Frankfurt dar. Aus dem gleichen Grund müssen „Kreative“ nicht nur von der Kulturverwaltung, sondern auch von den Abteilungen der Wirtschaftsförderung verstanden werden.

Kunstschaffende – und im weiteren Sinne „die Kreativen“ oder die „smart creatives“ – haben immer gelernt, „resilient“ zu sein und sich Kontexten anzupassen. Sie gehen oft mehreren Tätigkeiten nach (die „Gig Economy“ ist für den Sektor von wesentlicher Bedeutung), ihre Arbeitsweisen sind fließend und in hohem Maße anpassungsfähig. Die Corona-Krise hat diese Schwierigkeiten und Trends zusätzlich verstärkt. Angesichts des Einkommenseinbruchs und des Kollabierens der Einkommensmodelle, insbesondere im Bereich der darstellenden Künste und der Musik, haben mehrere europäische Regierungen, darunter Frankreich und Deutschland, umfangreiche Finanzhilfeprogramme ähnlich dem New Deal ausgearbeitet. 

Kunstschaffende sind oft risikobereit, arbeiten in „risky projects“ am innersten Kern der Kreativität einer Gesellschaft. Zur wirksamen Unterstützung von Kunst- und Kreativschaffenden ist eine Bedarfsklärung nötig, um zu erörtern, wie eine fruchtbare Zusammenarbeit aussehen könnte. 

Es ist notwendig, Kunst- und Kreativschaffende kurz- und mittelfristig zu unterstützen. Langfristig gilt es jedoch auch, Wege zu finden, um Kulturschaffende bei der Hilfe zur Selbsthilfe zu unterstützen. Damit sie überleben und durchhalten können, müssen wir helfen, ihre Resilienz zu stärken. 

Themenfeld 5:
Migration, Vielfalt und Kreativwirtschaft

Alle Studien, die wir durchgeführt oder konsultiert haben, bestätigen die entscheidende Rolle der Diversität für die kulturelle Entwicklung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Hollywoodstudios von Zugewanderten gegründet; am Ende des 20. Jahrhunderts waren zwei Drittel der Gründer großer Start-ups im Silicon Valley Eingewanderte der ersten oder zweiten Generation. 

Frankfurt ist selbst eine Migrationsstadt: Über 50 Prozent der gemeldeten Personen verfügen über einen Migrationshintergrund, das heißt, entweder sie selbst oder ein Elternteil (erste oder zweite Generation) wurden nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren. Darüber hinaus besitzt knapp ein Drittel der Frankfurter Bevölkerung eine ausländische Staatsangehörigkeit. Das Christentum ist die vorherrschende Religion, aber auch Angehörige des muslimischen und des jüdischen Glaubens sind sehr präsent. Frankfurt ist also bereits eine diverse Stadt. 

Vor allem im kreativen und im digitalen Sektor der Wirtschaft stellt die Einwanderung einen Vorteil dar. Darüber hinaus sind Kunstschaffende ihrer Zeit in Bezug auf die Repräsentation von Frauen, Homosexuellen und Gleichstellungsfragen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, lange voraus gewesen. Obwohl Kunstwerke und Bücher diese Anliegen widerspiegeln, sind Künstlerinnen jedoch nach wie vor unterrepräsentiert. 

Themenfeld 6:
Innovation: Wissenschaft + Technologie + Kunst + Partizipation

Frankfurt ist internationaler Knotenpunkt und Pendlerhauptstadt der polyzentrischen Metropolregion FrankfurtRheinMain. Ein international ausstrahlendes Kompetenzzentrum und Nukleus für die lokale Kultur- und Kreativwirtschaft fehlt bisher in der Metropolregion. Transferleistungen sind nicht nur aus der Erforschung des cross-innovationen Potenzials zwischen Technologie, Wirtschaft, Kunst und Kultur zu erwarten (kulturelle und kreative Spill-over-Effekte; „Fusion Skills“ zwischen Kunst und Wissenschaft; Öffentlichkeitsarbeit und Bildung zur Sensibilisierung für die Kreativwirtschaft), sondern auch durch die Entwicklung innovativer, nachhaltiger Unternehmensmodelle in einem experimentellen Trial-and-Error-Verfahren. Akteure der Kreativwirtschaft können auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wertvolle Impulse geben, unter anderem mit Blick auf New Work, Prototyping, Technologieaffinität, Clusterbildung und Stärkung der regionalen Identität, Produktentwicklung und -konzeption oder innovative Lösungen im Bereich der Ökologie.

Vorgeschlagen wird eine Erweiterung des vom hessischen Wirtschaftsministerium verfolgten „House of“-Konzepts, welches auf einem Triple-Helix-Modell von Wirtschaft, Wissenschaft (Forschung) und Politik basiert, mit einem starken Fokus auf Interdisziplinarität. Denkbar wäre ein semivirtuelles „House of Creativity & Innovation“, das sich als Netzwerkstruktur an einem Human-Centered Quadruple-Helix-Modell orientiert. Dabei wird das bestehende Modell erweitert, um beispielsweise Aspekte der kunstbasierten Innovation und des demokratischen Wissens der Zivilgesellschaft einzubeziehen. Nicht zuletzt bietet ein solches erweitertes Modell das Potenzial einer internationalen Profilierung an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie. 

Analog zu den freien Arbeitsstrukturen der Kreativwirtschaft könnte ein solches „Haus“ semivirtuell gedacht werden, beispielsweise mit Co-Working-Spaces oder „Satelliten“ in der Peripherie und einem State-of-the-Art-Workspace mit AI-Makerspace, Fablabs im „Zentrum“. Best-practice-Beispiele sind das STEAMHOUSE in Birmingham oder das Taiwan Contemporary Culture Lab in Taipeh, ein sieben Hektar großes Zentrum für künstlerische, technologische und soziale Innovation, das vom Kulturministerium, dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie und dem Wirtschaftsministerium geleitet wird.

Ferner ist in anderen Städten ein Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Künste, der Digitalisierung und einer lebendigen elektronischen Musik- und Subkulturlandschaft zu beobachten. Als Stadt mit einer starken Musikszene, insbesondere im elektronischen Genre, ist Frankfurt gut für eine Zukunft gerüstet, die auf diesem musikalischen Erbe aufbauen könnte. Seine berühmten Clubs und eine lebendige alternative Szene sprechen dafür. Die Einrichtung des Museum of Modern Electronic Music (MOMEM) ist ebenso wichtig wie die Schaffung neuer Räume für die elektronische Musik der Zukunft. 

Themenfeld 7:
Digitalisierung

Unsere Studien zeigen, dass Kreativ- und Kunstschaffende heute untrennbar mit Fragen des Digitalen verbunden sind, über den gesamten Prozess der Kreation, Produktion, Distribution und Rezeption hinweg. Ganze Sektoren der Kreativwirtschaft haben sich auf digitale Modi umgestellt. 

Es ist davon auszugehen, dass künstliche Intelligenz diesen Prozess weiter beschleunigen wird. Glücklicherweise ist Frankfurt in dieser Hinsicht gut positioniert: Schätzungen zufolge konzentrieren sich 8,5 Prozent aller Neugründungen auf KI oder Big Data (13 Prozent der Venture-Capital-Investitionen der letzten fünf Jahre wurden in diesem Sektor getätigt). 

Brücken zwischen den Künsten und dem Digitalen sind ebenfalls sehr häufig, da einige Kunstschaffende auch in technischen Berufen (zum Beispiel Programmierung, Interaction Design, Game Design) arbeiten. International existieren bereits interessante Ausbildungsmodelle, unter anderem mit einem Teilfokus auf die Arbeit in Kollektiven (zum Beispiel Medialab/MIT, UCLA, SPEAP/Sciences Po/Paris). Eine Vielzahl von Inkubatoren, Co-Working Spaces, Third Places, Hacker-Spaces und Makerspaces gibt es bereits, auch in Frankfurt. 

Die Kultivierung von Verbindungen zwischen Kunst und Technologie sollte während der gesamten beruflichen Laufbahn eines Kreativschaffenden, von der Ausbildung bis zur Reife, gefördert werden. Es sollte möglich werden, Kreativschaffenden in den verschiedenen Phasen ihres kreativen Lebens eine entsprechende Weiterbildung anzubieten. 

Schließlich zeigen unsere Studien, dass Kunst- und Kreativschaffende immer häufiger Arbeitsweisen von Start-ups übernehmen, das heißt, sie agieren als Kunstkollektive, Designschaffende, Produktionshäuser, Ateliers, freiberuflich arbeitende Personen – eine Entwicklung von grundlegender Bedeutung im Sinne einer zukunftsfähigen Förderung von Kreativschaffenden. Es besteht jedoch weiterhin eine „Kluft“ zwischen der Welt der Kunstschaffenden und der Welt der Start-ups. In Frankfurt ist vor allem der „FinTech“-Sektor sehr präsent. Daher stellt sich die Frage: Wie lässt sich das Potenzial von Kunst- und Kreativschaffenden in Frankfurts Start-up-Ökosystem besser nutzen? 

Themenfeld 8:
Messen, Kreativwirtschaft und Stadtvermarktung

Ein Modell, dessen Relevanz für eine globale Neuausrichtung Frankfurts untersucht werden könnte, ist Austin, Texas. Dank des Festivals South by Southwest (SXSW) hat die Stadt seit 1987 einen rasanten Wandel erlebt. Die SXSW-Musik- und Medienkonferenz, die Musik, Film und digitale Medien umfasst, hat dazu beigetragen, Austin zur zweiten digitalen Hauptstadt der Vereinigten Staaten zu machen. 

Als Stadt der großen Messen und Festivals (Frankfurter Messe, Frankfurter Automobilausstellung, Frankfurter Buchmesse, Ambiente Frankfurt, Light+Building etc.), als Stadt mit einer bedeutenden elektronischen Musik- und Clubszene, mit gegenkultureller Energie und Underground-Kreativität (die Stadtteile Bahnhofsviertel, Sachsenhausen, Ostend), könnte sich Frankfurt nach dem Vorbild Austin neu positionieren. Weiter könnte sich die Messestadt Frankfurt zur permanenten Online-„platform city“ entwickeln, mit einem Fokus auf die kreative und digitale Ökonomie. Diese Weiterentwicklung, zu der es bereits Vorüberlegungen gab (etwa im Zusammenhang mit der Zukunft der Frankfurter Buchmesse), würde die oben erwähnten Themen bündeln. Sie würde Frankfurt zum Austin Europas machen und es der Stadt ermöglichen, ihre eigene SXSW aufzubauen.

Themenfeld 9:
Verwaltung

Letztlich ist es notwendig zu überprüfen, wie die Stadtverwaltung mit Blick auf Projekte innerhalb der Creative Economies strukturiert und organisiert ist. Hier ist sicher noch das eine oder andere zu optimieren.